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Die Kunst der Improvisation – Schule in Corona-Zeiten

Von Stefan Störmer, Bezirksvorsitzender der GEW Weser-Ems

Die Anleitung für gelungenes Improvisieren im Alltag findet sich in einem bekannten Spielfilm aus den 60ern. In diesem spielt James Garner einen Cowboy, der gerade den Posten eines Sheriffs übernommen hat. Bei der Besichtigung seiner Diensträumlichkeiten stellt er fest, dass die Gefängniszelle eine einzige Baustelle ist. Es fehlen die Gitter. In dem Moment, als Garner tatsächlich einen Gangster einbuchten muss, greift er daher zu Pinsel und Farbe und markiert eine Linie im Büro, die der Täter nicht übertreten darf. In der Westernkomödie klappt dies vorzüglich. Immer wenn der Übeltäter einen Schritt über die Linie setzt, taucht der Sheriff von irgendwoher auf und pfeift ihn zurück.

Vielleicht haben sich die Schulleitungen und Kolleg*innen an diesen Film erinnert gefühlt, als sie mit Klebeband und Filzstiften bewaffnet, Laufwegmarkierungen auf die Fußböden ihrer Schulgebäude geklebt oder gemalt haben. In Zeiten der Corona-Pandemie sind diese Maßnahmen nötig, um dafür zu sorgen, dass die Schüler*innen den Abstand von 1,5 m zueinander auch einhalten können. Und tatsächlich klappen diese Maßnahmen in der Regel auch, zumindest so lange sich noch wenige Menschen im Schulgebäude aufhalten.

Mit dem Wiederhochfahren des Schulbetriebs ändern sich aber die Vorzeichen. Je mehr Schüler*innen den Präsenzunterricht wahrnehmen, desto schwieriger wird es, die Abstände sicherzustellen. Die Gebäude sind schlichtweg niemals dafür gebaut worden, dass sich Menschen in großen Abständen voneinander durch die Räume und Gänge bewegen.
Dass dies aber notwendig ist, zeigen die aktuellen Ereignisse in diversen Gottesdiensten in Bremerhaven und Frankfurt oder der Corona-Ausbruch im Landkreis Leer in einem Restaurant oder in Göttingen in Zuge eines Familienfestes. Dort, wo viele Menschen zusammenkommen, reicht es, wenn eine Person in einer sogenannten Superspreader-Situation eine Infektionskette in Gang setzt. Es gilt, diese in den Schulen möglichst zu vermeiden oder zumindest kontrollierbar zu halten. Hier wäre es denkbar, als Frühwarnsystem eine nicht anlassbezogene Testung der in Schule tätigen Personen vorzunehmen. Was in der Fußball-Bundesliga gang und gäbe ist, sollte in Systemen, in denen noch größere Personengruppen aufeinander treffen, doch eigentlich selbstverständlich sein.

Es ist verständlich, wenn Kolleg*innen mit Unbehagen auf die Lockerungspolitik der Regierungen schauen. Das Corona-Virus ist nicht weg. Mit der Zahl der Personen, die sich in geschlossenen Räumen aufhalten, steigt das Infektionsrisiko. Insofern ist es möglich, dass von dem Prinzip Halbe Klassen-halbe Wochen auch nach den Sommerferien nicht abgewichen werden darf. Der Spagat, der darin besteht, auf der einen Seite das Infektionsrisiko zu minimieren und auf der anderen Bildungschancen auch für diejenigen zu ermöglichen, die im Homeschooling schwer zu erreichen sind, ist nicht so einfach aufzulösen.

Vor diesem Hintergrund wird wahrscheinlich auch die Dreifachbelastung für die Lehrkräfte bestehen bleiben. In der Schule haben sie in erhöhtem Maße Aufsichtspflichten wahrzunehmen und auf die Einhaltung der Hygieneregeln zu achten. Die Notbetreuung ist zu organisieren. Für das Homeschooling müssen Lehrkräfte die Schüler*innen, die zu Hause bleiben, mit Material versorgen und die Ergebnisse kontrollieren. Und natürlich erledigt sich der Präsenzunterricht nicht von alleine. Er muss vor- und nachbereitet sowie gehalten werden. Auf diese Weise erhöht sich die Arbeitsbelastung massiv, ohne dass gleichzeitig die Effizienz bei der Vermittlung der Lerninhalte verbessert wird. 

Damit wird von Schulleitungen und Kolleg*innen weiterhin abverlangt werden, den Schulalltag durch Improvisation irgendwie zu gestalten.
Im Western gibt es immerhin ein Happy-End.
Irgendwann ist die Baustelle fertig. 

Wann dies aber in unseren Schulen der Fall sein wird, bleibt nach wie vor ungewiss.